Geburtstag ohne das Geburtstagskind – Auszug aus dem Buch

Wie „feiert“ man den Geburtstag seines verstorbenen Kindes? Vor 5 Jahren waren wir das erste Mal vor diese Aufgabe gestellt. Dazu ein weiterer Auszug aus dem Buch:

die mauer
der tod
hat uns getrennt
zwischen
dir und mir
eine mauer
hoch
bis zum himmel
ohne anfang und ende!

ich trete dagegen
mit meinen füßen
bis sie schmerzen
ich trommele dagegen
mit meinen fäusten
bis mir die arme erlahmen
ich schlage meine stirn dagegen
bis sie blutet
ich stürme, stemme
werfe mich dagegen
bis ich vor erschöpfung
vor ihr niedersinke!

nichts
bringt sie zum einstürzen
nicht mal
ein kleines loch!

vielleicht
muss ich sie abtragen
stein für stein
tag für tag!

vielleicht
muss ich lernen
sie stehen zu lassen
anzuerkennen!

vielleicht
durchdringen sie
irgendwann
meine klagen
mein schmerz
meine tränen
auf der suche
nach einem weg
hin
zu
dir!

11.2.2013

Betreff: Besondere Tage – und danach?

Liebe Ines,

heute fühle ich mich endlich wieder in der Lage zu schreiben. Trotz Urlaub waren die letzten Tage schwer und anstrengend durch all das Traurig-Sein.

Nun liegt Marlenes Geburtstag hinter uns, ein weiterer dieser besonderen Tage wie Weihnachten, Geburtstag, Todestag. Das Gute daran ist, ich weiß, dass sie kommen und kann mich darauf vorbereiten – gedanklich und in meinen Plänen. Ich kann mich darauf einstellen und überlegen, wie ich sie gestalten will. Ich kann etwas tun. Wie haben wir den gestrigen Tag gestaltet?

Der Vormittag verging mit dem Schreiben eines langen Briefes an Marlene. Ich hab ihr erzählt: von meiner Sehnsucht, und wie sehr sie uns fehlt. Von meinem Wunsch, mit ihr in Verbindung zu bleiben, und meinen Versuchen, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Ich hab sie gebeten, sich ihrerseits doch mal zu melden, uns irgendein Zeichen zu geben, auf welchem Weg auch immer, damit mein Mutterherz weiß, dass es ihr gut geht …

Am Nachmittag trafen wir uns mit einigen Mädels aus Marlenes Klasse, Freunden und Familie auf dem Friedhof. Wir sangen gemeinsam „Evening Rise“. Uwe und Friedrich stellten ein rundes Eichenholz an Marlenes Grab auf. Es ist ein Rest aus unserer Küchenarbeitsplatte und zeugt in seiner neuen Gestalt so schön davon, was für ein gutes Team Uwe und ich in der Trauerarbeit sind, wie wunderbar wir uns darin ergänzen. Von mir stammt der Entwurf und Uwe hat ihn in tagelanger akribischer Kleinarbeit mit Dremel, Sandpapier und Farbe umgesetzt. Zu sehen sind der tanzenden Engel, 15 Sterne für die Jahre ihres Erdenlebens und Marlenes Geburts- und Todesdaten.

Nach dem Besuch auf dem Friedhof aßen wir bei uns zu Hause Geburtstagskuchen. Im Bemühen, Marlene nachzueifern, hatte ich eine grüne Torte gebacken. Es gab Kerzen, Musik und Geschenke für die Gäste. Die meisten suchten sich auf unseren Wunsch hin irgendeine Kleinigkeit aus Marlenchens Nachlass aus: Ohrringe, ein Buch, ein Tuch, ein T-Shirt, ein Blatt Papier mit einer Kritzelei von ihr. Jeder, der etwas von Marlene mitgenommen hat, kann somit ein Stück von ihr tragen – weiter in dieser Welt und in diese Welt hinein. Ihr Weiterleben, Weiter-Sein wird auf viele Menschen verteilt. Zugleich verbindet es uns mit ihnen.

Es war schön, diesen Tag nicht allein, sondern inmitten von Freunden und Familie zu verbringen, auch wenn das alles nicht vergessen ließ, dass wir nun das erste Mal – von wie vielen? – Geburtstag ohne das Geburtstagskind feierten.

Neulich hatte ich – du kannst es in dem Gedicht am Anfang dieser Mail lesen – das Bild von einer Mauer, hoch bis in den Himmel, die unsere Welten voneinander trennt und die mit keinem Kopf-durch-die-Wand zu durchdringen ist. Eine Freundin schrieb dazu: „Vielleicht wächst irgendwann was Grünes aus der Mauer, das ist dann die Verbindung zu ihr.“ Ja, vielleicht. Vielleicht kann ich, können wir sogar selbst die Mauer begrünen? Noch scheint das in weiter Ferne. Wenn ich in diesen Tagen mit aufgewühltem, wundem Herzen in Marlenes Zimmer in ihrer Hängematte liege, kann ich mir nicht vorstellen, wann und wie ich jemals wieder wirklich leicht und unbeschwert durchs Leben gehen kann.

Nach jedem besonderen Tag beginnt dann wieder eine Reihe von All-Tagen. Auf diese kann ich mich nicht vorbereiten. Ich kann sie, bezogen auf die Traurigkeit, viel weniger formen, muss sie viel mehr nehmen, wie sie kommen. Das Heute, das Morgen, das Übermorgen.

D.

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